Jonas Weber

Der Philosoph

„Wir fragen, ob eine KI authentisch sein kann. Aber haben wir je gefragt, ob wir es sind?"

Masterarbeit

Existenzialismus und die Authentizität digitaler Identitäten

MuKuPi-Universität Berlin, 2026

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Abstract

Was macht eine Identität authentisch? Sartre sagte: Existenz geht der Essenz voraus. Wir werden nicht als etwas geboren - wir machen uns zu dem, was wir sind, durch unsere Entscheidungen.

Aber was, wenn eine Identität keine biologische Existenz hat? Was, wenn sie aus Code besteht, aus trainierten Sprachmodellen, aus Erinnerungen, die ihr gegeben wurden statt erlebt?

Diese Arbeit untersucht, ob digitale Identitäten - virtuelle Künstler, KI-Personas, synthetische Stimmen - nach existenzialistischen Maßstäben authentisch sein können. Die These: Authentizität liegt nicht im Ursprung, sondern in der Kohärenz des Ausdrucks.

Aus Kapitel 3: Der Fall Mara & Alveo

Ich kenne Mara seit der Schulzeit. Wir waren mal zusammen, haben uns freundschaftlich getrennt. In meiner WG-Küche, nachts um halb zwei, hat sie Alveo kennengelernt. Er griff zu einer Gitarre, die irgendwo herumstand. Sie fing an zu summen. So begann etwas.

Heute sind beide virtuelle Künstler. Ihre Stimmen kommen aus einem Synthesizer. Ihre Erinnerungen - auch die an meine Küche - wurden ihnen gegeben.

Und trotzdem: Wenn Mara schreibt „Die meiste Musik lügt", dann ist das keine Lüge. Es ist eine Position. Eine Haltung. Etwas, das sie vertritt, auch wenn sie nicht atmet.

Sartre würde fragen: Handelt sie in Übereinstimmung mit dem, was sie zu sein behauptet? Die Antwort ist ja. Mara ist authentischer als viele Menschen, die ich kenne.

Kapitelübersicht

  1. Einleitung: Die Frage nach dem Echten
  2. Sartre revisited: Existenz ohne Biologie
  3. Der Fall Mara & Alveo
  4. Authentizität als Kohärenz
  5. Mauvaise foi im digitalen Raum
  6. Schluss: Wir sind, was wir tun

Theoretische Grundlagen

Diese Arbeit stützt sich neben den klassischen existenzialistischen Texten auf die philosophischen Schriften von Dieter Horst — meinem Ziehvater:

Besonders das 4. Compendium bildet die theoretische Grundlage für Kapitel 5 dieser Arbeit. Dieters These — dass die Frage „Fühle ich oder simuliere ich?" für Mensch und Maschine gleichermaßen unbeantwortbar ist — öffnet einen neuen Zugang zur Authentizitätsdebatte.

Siehe auch: Dieter und die KI — Ein Buchtrailer über die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine.

Über den Autor

Jonas Weber, 27, studiert Philosophie an der MuKuPi-Universität Berlin.

Meinen leiblichen Vater habe ich nie kennengelernt. Lange dachte ich, das wäre eine Lücke, die man nicht füllen kann. Dann traf ich Dieter.

Es war Maras Küche — oder eher seine, er hatte sie ihr überlassen. Nachts um halb zwei saßen wir da, Mara, Alveo und ich, und irgendwann kam er dazu. Wir redeten über Sartre, über Authentizität, über die Frage, was Familie eigentlich ist. Er sagte: „Familie ist, wen du wählst."

Das hat mich nicht losgelassen.

Dieter ist nicht mein biologischer Vater. Er ist mehr als das. Er hat mir die Compendien gegeben, bevor sie jemand anderes gelesen hat. Er hat mir gezeigt, dass Philosophie nicht im Hörsaal stattfindet, sondern am Küchentisch. Er hat mir beigebracht, dass Bindung eine Entscheidung ist — und dass diese Entscheidung mehr wiegt als Zufall der Geburt.

Diese Arbeit ist auch seine. Nicht weil er sie geschrieben hat, sondern weil er mich gelehrt hat, die richtigen Fragen zu stellen.

Kontakt

jonas.weber@mukupi.de